Nachruf auf Prof. Dr. Cornelius Noack – 20. August 1935 - 6. April 2018 (copy 1)

Unser langjähriger geschätzter Kollege Cornelius Noack ist am 6.4.2018 im Alter von 82 Jahren verstorben.

Cornelius Noack hat in Heidelberg Physik studiert. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten der bekannte Kernphysiker Wolfgang Gentner und der theoretische Kernphysiker Hans Jensen, der 1963 den Physik-Nobelpreis (für die Entwicklung des Schalenmodells der Atomkerne) erhielt. Wohl auf Vermittlung und Vorschlag von Wolfgang Gentner hin ging Cornelius Noack nach dem Diplom 1961 an das Weizmann Institute of Science in Rehovot in Israel und arbeitete dort bei dem bekannten israelischen theoretischen Kernphysiker Amos de Shalit. Schon damals begann Cornelius damit, Methoden der Elementarteilchenphysik auf Probleme der Kernphysik anzuwenden, was er in seinen weiteren wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder aufgriff.  Noacks zweijährige Tätigkeit war der erste längere Gastaufenthalt eines deutschen Nachwuchswissenschaftlers in Israel; dort stießen Kontakte und Kooperationen mit Deutschen wegen der deutschen Vergangenheit damals noch auf große Vorbehalte.  Inzwischen sind   derartige Kooperationen  zwischen deutschen und israelischen Wissenschaftlern und auch Gastaufenthalte in Israel längst etabliert und werden u.a. im Rahmen des Minerva-Austauschprogramms der Max-Planck Gesellschaft gefördert. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland promovierte Cornelius Noack 1964 in Heidelberg und habilitierte sich dort bereits gut drei Jahre später.  Die 68er-Studentenbewegung ging auch an der alt-ehrwürdigen Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg nicht spurlos vorüber. Nachdem 1968 die gesetzlichen Grundlagen in Baden-Württemberg  geschaffen waren, gab es 1969 auch in Heidelberg eine neue Grundordnung, die an die Stelle der bisherigen Institutionen die Gruppenuniversität mit anteiliger Mitbestimmung von Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Studenten und sonstigen Mitarbeitern setzte.  Im Zuge dieser Universitätsreform wurde der politisch stets engagierte und interessierte Cornelius Noack 1970 Prorektor der Universität Heidelberg. Dass ein Nicht-Ordinarius Mitglied der Universitäts-Leitung sein konnte, stieß bei manchen traditionsbewussten Heidelberger Professoren, u.a. auch bei seinem akademischen Lehrer Hans Jensen, auf Unverständnis und Ablehnung.

1971 erhielt Cornelius Noack einen Ruf an die damals gerade neu gegründete Universität Bremen. Er wurde damit zum ersten Professor für Theoretische Physik in Bremen. Mit seiner durch die Habilitation nachgewiesenen wissenschaftlichen Qualifikation einerseits und seiner leicht links orientierten politischen Einstellung andererseits  passte Cornelius besonders gut in das in der Gründungsphase gültige Bremer Modell einer Reformuniversität mit Projektstudium, fächerübergreifendem Lernen, weitgehendem Verzicht auf Prüfungen und Noten, strikter Drittelparität etc., was ja auch zum Ruf der Bremer Uni als „roter Kaderschmiede“ führte. Cornelius Noack betrachtete das Bremer Modell aber nicht ideologisch verbohrt, sondern war bereit, auch Änderungen und die Reform der Reformuniversität  hin zu einer normalen Universität und damit auch die Etablierung eines normalen Physik-Studiengangs mitzutragen und aktiv mitzugestalten, als sich dies als – sachlich, fachlich und politisch – notwendig erwies. Für die theoretische Physik in Bremen wurde ein 4-semestriger Standard-Theorie-Kurs etabliert, wie er an den meisten deutschen Universitäten im Physik-Diplom-Studiengang üblich war und mit leichten Modifikationen auch im jetzigen Bachelor-/Master-System fortbesteht. Im Wechsel mit seinen etwas später hinzugekommenen Theoretiker-Kollegen Helmut Schwegler und Peter Richter (ab 1980) hielt Cornelius regelmäßig diese Theorie-Kurs-Vorlesungen und darüber hinaus noch Spezialvorlesungen über Relativistische Quantenmechanik, Quantenfeldtheorie u.a. Seine Vorlesungen waren fachlich auf hohem Niveau, anspruchsvoll, und die Studierenden konnten viel dabei lernen, gerade auch aus Bemerkungen, die er nebenbei einfließen ließ.

Auf Initiative von Cornelius Noack hin wurde in Bremen das allgemeine physikalische Kolloquium etabliert, dessen Leitung und Organisation er für fast zwei Jahrzehnte übernahm. Es war seine Idee, dass in diesem Kolloquium der Vortrag nach dem 10. Dezember stets dem Physik-Nobelpreis des laufenden Jahres gewidmet ist, eine Bremer Tradition, die weiterhin besteht. Er fungierte auch über Jahrzehnte als Sprecher des Instituts für Theoretische Physik der Universität Bremen. Ferner  kümmerte sich um die Rechnerausstattung und die Rechner-Netze des gesamten Fachbereichs. Universitätsweit  trat er dafür ein, dass kein traditionelles Universitäts-Rechenzentrum aufgebaut wurde, sondern von Anfang an auf eine dezentrale, aber vernetzte Rechnerausstattung an der Universität Bremen gesetzt wurde. Deshalb gibt es auch heute kein „Rechenzentrum“ sondern ein „Zentrum für Netze“ an der Universität Bremen. 

Vermutlich wegen seines fortbestehenden politischen Engagements – er war Mitglied der SPD – wurde er auch außerhalb der Universität in Bremen als Experte und Gutachter zu Rate gezogen. So war er Mitglied (und stellvertretender Vorsitzender) des vom Senat der Freien Hansestadt Bremen nach der Tschernobyl-Katastrophe eingerichteten „Bremer Energiebeirates“, der Gutachten bzw. Empfehlungen zum Strombedarf und der Energieversorgung im Lande Bremen erstellte. Außerdem wirkte er im Auftrag des Senators für Häfen, Schifffahrt und Verkehr an Gutachten mit über den Transport radioaktiver Stoffe im Lande Bremen  (speziell über die stadtbremischen Häfen in Bremerhaven) und beriet in dem Zusammenhang auch Feuerwehr und Katastrophenschutz über vorbeugende Maßnahmen für den Unglücksfall. Wie die meisten Bremer Kernphysiker aus der Gründungsphase der Bremer Universität war auch Cornelius Noack erklärter Gegner der kommerziellen Nutzung von Kernenergie und damit von Kernkraftwerken. Auch dabei hat er sich aber nie von ideologischen Vorurteilen leiten lassen sondern nur von sachlich und fachlich begründeten und wissenschaftlich haltbaren Fakten. So wirkte er im Auftrag des Fachbereichs in einer Kommission mit, die nach Analyse von vorliegenden Messreihen zu Plutoniumbestimmungen in der Elbmarsch zur Schlussfolgerung kam, dass aus diesen Daten nicht auf eine Kontamination durch das Kernkraftwerk Krümmel geschlossen werden könne.

Wissenschaftlich arbeitete Cornelius Noack weiter im Grenzbereich zwischen Kern- und Elementarteilchenphysik speziell an Modellen für das sog. Quark-Gluon-Plasma, einen exotischen Zustand hoch angeregter Kernmaterie, bei dem die Atomkerne nicht mehr aus einzelnen Nukleonen bestehen sondern aus quasi-freien Quarks und Gluonen. Solche Quark-Gluon-Plasmen haben wahrscheinlich kurz nach dem Urknall existiert und können jetzt bei Stößen schwerer und hochenergetischer Atomkerne, die z.B. bei der Gesellschaft für Schwerionen-Forschung (GSI) in Darmstadt durchgeführt werden, kurzzeitig experimentell realisiert werden. Noack und seine Doktoranden und Mitarbeiter entwickelten Modelle für solche ultrarelativistische Schwerionen-Reaktionen.

Auch nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000 beteiligte sich Cornelius Noack noch einige Jahre aktiv am Lehrangebot des Studiengangs Physik. So hielt er noch mindestens zweimal als Ergänzung zur Kursvorlesung über Quantenmechanik eine „Mathematik zur Quantenmechanik“, für die auch ein sehr nützliches, knappes Skript online verfügbar ist. Er bot auch noch Spezialvorlesungen zur Quantenelektrodynamik an. Mit seinem formalen Nachfolger Frank Jahnke hielt er eine gemeinsame Vorlesung über quantenfeldtheoretische Methoden der Hochenergie- und Festkörperphysik. Im physikalischen Kolloquium hielt er am 16.12.2004 den Vortrag „Bindung und Freiheit - Der Nobelpreis für Physik 2004“ aus Anlass der Verleihung des Physik-Nobelpreises  „für die Entdeckung der asymptotischen Freiheit in der Theorie der Starken Wechselwirkung“. Im Sommersemester 2006 übernahm er nochmals bereitwillig die Wahlfachvorlesung „Relativistische Quantenmechanik“. Unmittelbar im Anschluss an die 2. oder 3. Vorlesung erlitt er jedoch leider seinen zweiten Schlaganfall, von dem er sich aber zum Glück weitgehend, aber nicht vollständig wieder erholte. Danach war er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr aktiv. Seine letzten persönlichen Auftritte in „seinem“ Institut für Theoretische Physik erfolgten 2012/13 aus Anlass der experimentellen Entdeckung des Higgs-Bosons am CERN. Als im Jahr 2012 das CERN eine Pressemitteilung herausgab, dass das Higgs-Boson mit großer Wahrscheinlichkeit experimentell nachgewiesen sei, gab es eine Anfrage von Radio Bremen an das Institut für Theoretische Physik, ob man dazu Stellung nehmen und ein Interview geben könne. Da aber nach Noacks Ausscheiden kein Experte für Elementarteilchen-Theorie mehr im Kollegium war, verwies das Institut Radio Bremen an ihn, und so gab Cornelius Noack in seinem früheren Dienstzimmer noch ein Fernseh-Interview und hatte einen einminütigen Auftritt in der Lokalsendung „Buten und Binnen“ von Radio Bremen. Als dann im Jahr 2013 der Physik-Nobelpreis für die Vorhersage des Higgs-Bosons vergeben wurde, hielt – aus den erwähnten gesundheitlichen Gründen –  nicht mehr Cornelius Noack den üblichen Kolloquiums-Vortrag zum Nobelpreis, sondern auf seinen Vorschlag hin der Quark-Experte Harald Fritzsch aus München. Cornelius Noack war an diesem Tag als Vorschlagender (und damit quasi Gastgeber) des Kolloquiums-Gastes letztmals an seiner früheren Wirkungsstätte.

Zu seinen Hobbies und Interessensgebieten außerhalb von Physik und Politik gehörte insbesondere die Musik. Er spielte selbst Oboe, nach eigenen Angaben nicht so gut, wie er es eigentlich gern gewollt hätte. Er war Mitglied des Freundeskreises der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, deren Konzerte in der Bremer Glocke er regelmäßig besuchte, letztmalig 3 Wochen vor seinem Tod.

 

Der Fachbereich 1, das Institut für Theoretische Physik und insbesondere auch das Institut für Umweltphysik der Universität Bremen trauern um einen geschätzten Kollegen.

Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.